«Wir gehen die Extrameile»

29. Juni 2026

Es gibt die Personen, die findest du an ihrem einen Arbeitsplatz, mit ihrem einen Job.
Dann gibt es jene, die mehrere Hüte tragen und mehrere Funktionen übernehmen.
Und dann gibt es Heather Dawson.
Sie ist überall.

Viele verschiedene Hüte

«Ja, ich habe verschiedene Rollen inne», sagt sie, «Genau das ist faszinierend. Es bedeutet, dass ich sehr effizient arbeiten muss, um allen Rollen gerecht zu werden.»

Mal ist sie Leiterin eines Laborteams, mal Forscherin, mal Diagnostikerin und Fachärztin in der Patienten-Sprechstunde. Mal sitzt sie in der in der Prüfungskommission für zukünftige Fachärzt:innen der Molekularpathologie, mal diskutiert sie Befunde in Tumorkonferenzen. «In meinem Job kann ich das alles verbinden und mich in verschiedenen Sphären bewegen. Das gefällt mir.»

Die Rollenvielfalt ist typisch für leitende medizinische Positionen an einer Universität. Hier ist frau gleichzeitig verantwortlich für Lehre, Forschung, Laborbetrieb, Personalführung, strategische Entwicklung und die Patientenversorgung.

Von Grund auf Gewebemedizinerin ...

Ihre «Herkunft»? Die Pathologie.
Heather Dawson ist ausgebildete Fachärztin für Pathologie – oder Gewebemedizinerin. Sie untersucht Gewebe, um krankhafte Veränderungen sichtbar zu machen und daraus eine Diagnose festzulegen. Sie analysiert, wie Zellen und Tumorzellen aussehen, wie deren Nachbarschaft aussieht, wie sie im Gewebe angeordnet sind oder welche Veränderungen sie zeigen.

Früher sassen Ärztinnen wie sie am Mikroskop. Heute werden die Gewebeschnitte eingescannt, um sie als digitale Grossbilder hochaufgelöst an einem Bildschirm anzuzeigen. Manche Präparate zeigen mit spezieller Färbung spezielle Proteine an, die für Tumorzellen typisch sind.

… spezialisiert in Molekularpathologie

2021 hat Heather Dawson die Spezialisierung in Molekularpathologie erworben. Molekularpatholog:innen gehen noch viel tiefer ins Detail. Sie «blicken» in die Zellkerne hinein, wo sie die DNA, die RNA, Proteine, Gene oder ganze Chromosomen von Tumorzellen untersuchen. 
Und was finden sie?

Zum einen sind es genetische Veränderungen, das heisst, ob Gene mutiert, gelöscht, vervielfältigt oder umgebaut sind. Zum anderen sind es Aktivitätsmuster von Genen, beispielsweise viel zu aktive oder abgeschaltete Gene.

Sie können ausserdem feststellen, ob Proteine fehlen, verändert sind oder falsch funktionieren. Und schliesslich finden sie therapierelevante Marker: Das sind Hinweise darauf, wie eine Patientin auf ein bestimmtes Medikament ansprechen wird oder wie schnell die Krankheit eines Patienten fortschreiten wird.

Mit solchen molekularen Befunden hilft Heather Dawson den Ärztinnen und Ärzten, zu verstehen, welche Krankheit vorliegt, wie sie sich entwickeln könnte und welche Therapie am besten passt.

Die Extrameile

Heather Dawson hält Sprechstunden mit Patientinnen und Patienten. Sie zeigt ihnen «ihren» Tumor, hilft ihnen, diesen besser zu verstehen. «Ihre Fälle berühren mich, ihr Leid, ihre Schicksale.»

Die Patient:innen seien oft erstaunt, wie tief ins Detail es gehen könne, sagt sie: «Manche Patienten sind baff, wenn sie sehen, wie aufwendig unsere Abklärungen sind und gleichzeitig wie sorgfältig wir uns den Tumor anschauen. Das gibt ihnen ein gutes Gefühl. Sie sehen, dass das Universitätsspital sich ihren Tumor mit grösstmöglicher Präzision anschaut – genauer als das geht es gar nicht!» 
Und sie fügt hinzu: «Wir gehen für sie die Extrameile.»

Ein Beispiel

Wie molekulare Befunde zu therapeutischen Entscheidungen führen, zeigt ein stark vereinfachtes Beispiel: Das Labor untersucht die Tumorzellen einer Patientin und stellt fest, dass auf einem Chromosom das Gen «HER2» in viel zu vielen Kopien vorliegt. Es ist stark amplifiziert.

Dadurch tragen diese Tumorzellen an ihrer Oberfläche viel mehr HER2-Protein als normale Zellen. HER2-Protein leitet Signale zur Zellteilung weiter. Wenn es übermässig vorhanden ist, wachsen diese Tumorzellen besonders schnell und aggressiv.

Gleichzeitig macht es sie aber auch verwundbar. Es gibt zielgerichtete Therapien, die genau an HER2 ansetzen – zum Beispiel Antikörper, die HER2 blockieren oder das Immunsystem aktivieren. Oder Antikörper-Wirkstoff-Konjugate, die ein Zellgift direkt in die HER2-reichen Tumorzellen einschleusen.

In der Praxis wird nicht nur ein einziges Gen betrachtet, sondern meist ganze Gruppen von Genen, sogenannte Gen-Panels. Die Universität Bern führt ein Clinical Genomics Lab (CGL), wo Heather Dawson den Fachbereich Pathologie mitverantwortet. Das CGL ist ausgelegt auf Hochdurchsatz-Sequenzierungen. Dazu gehören vollautomatisierte Geräte, etwa kühlschrankgross, die Millionen von DNA-Abschnitten gleichzeitig auswerten. Und Hochleistungsrechner, die mit gewaltigen Datenmengen umgehen können.

Ausbildnerin und Teilnehmerin an Tumorboards

«Das Fachwissen in der Molekularpathologie vergrössert sich rasant. Ich bin darum besorgt, dass das pathologische Fachpersonal up-to-date ist», sagt Heather Dawson. Sie bildet Masterstudierende, Doktorierende, Assistenz- und Fachärzt:innen aus.

In der Klinik nimmt sie an verschiedenen wöchentlichen Tumorboards teil und teilt dort das molekular-diagnostische Fachwissen mit Fachkräften anderer Disziplinen. Denn «das Angebot» an zielgerichteten Therapien nimmt in der Schweiz laufend zu.

«Ich muss dafür sorgen, dass die Onkolog:innen unsere molekularen Befunde verstehen und richtig interpretieren. Daher arbeite ich sehr eng mit ihnen zusammen», sagt Heather Dawson. Gerade bei seltenen oder schwierigen Tumoren seien diese Konferenzen sehr wertvoll für den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen anderer Disziplinen.

Leichtigkeit

Man sieht es ihr an: Viele Rollen zu haben, liegt ihr sichtlich. Sie bewegt sich mühelos zwischen den Sphären, leitet, forscht, analysiert, berät oder publiziert. 
Und dann gibt es ja auch noch die private Heather Dawson, mit Familie, mit kleinen Kindern. Vielleicht lernt sie gerade im Familienalltag, Komplexität mit pragmatischer Leichtigkeit zu begegnen?

University Comprehensive Cancer Center Inselspital (UCI)

Das UCI ist das international anerkannte Comprehensive Cancer Center in Bern. Engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschiedener Berufsgruppen des Inselspitals und der Universität Bern arbeiten interdisziplinär in Forschung, Behandlung und Lehre zusammen, um Menschen mit Krebs zu helfen und die Lebensqualität von Menschen mit und nach Krebs zu verbessern. – www.uci.insel.ch